Diagnostik

Unter Neuroradiologie versteht man heute die radiologische Diagnostik und die hauptsächlich endovaskulär, also durch die Lumina der Blutgefäße hindurch erfolgende, minimal invasive Therapie von Erkrankungen des Zentralnervensystems. Nach bescheidenen Anfängen um 1900 und einer langen, primär invasiv-diagnostischen Phase mit eingreifenden und die zu Behandelnden teils belastenden Untersuchungen, die bis in die 80er Jahre dauerte, hat sich das Fach inzwischen "emanzipiert". Entstanden ist eine Subdisziplin der Radiologie, die zwar noch überwiegend diagnostisch ist, aber schon eine starke therapeutische Komponente hat. Dies drückt sich auch aus in der offiziellen Anerkennung als sog. Schwerpunkt der Diagnostischen Radiologie.

Wer Neuroradiologe werden will, absolviert neben der radiologischen und der speziellen neuroradiologischen Ausbildung meist auch einige Zeit in Fächern wie Neurologie oder Neurochirurgie.

Der Aufschwung der Neuroradiologie begann Anfang bis Mitte der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts mit der breiten klinischen Einführung der Kathetertechnik zur Darstellung der Blutgefäße von Gehirn und Rückenmark (Angiographie) und bald darauf der Computertomographie (CT). Er wurde beschleunigt durch die Einführung der Magnetresonanztomographie (MRT; Kernspintomographie) etwa ein Jahrzehnt später. Möglich geworden waren die neuen Verfahren - in der Bilderzeugung auch die Angiographie - durch die rasante Entwicklung der Computertechnologie. Heute sind alle modernen "bildgebenden" Verfahren der Radiologie computergestützt und damit digital.

Somit erfolgt die Befundung der Bilddaten heut zu Tage fast ausschließlich am Bildschirm, so dass die bekannten, transparenten Filme so gut wie obsolet geworden sind.

CT und MRT sind nicht-invasive Verfahren, mit denen sich Gehirn und Rückenmark detailreich abbilden lassen, ohne dass der Patient/die Patietin während der Untersuchung leiden muss oder Gefahren ausgesetzt ist. Die CT basiert zwar auf der Anwendung von Röntgenstrahlen, unterscheidet sich methodisch aber stark von den herkömmlichen Röntgenaufnahmen. Ihr Untersuchungsprinzip besteht darin, dass der Körper - in der Neuroradiologie vor allem Kopf, Hals und Wirbelsäule - von einem fächerförmigen Röntgenstrahl quer zur Körperachse abgetastet ("gescannt") wird. Hochempfindliche Detektoren messen dabei die Schwächung der Röntgenstrahlen nach Passage des Gewebes und errechnen 2-dimensionale "Schnittbilder", die auf dem Bildschirm erscheinen und auch digital weitergegeben werden können. Diese Bilder lassen z.B. im Schädelinneren krankhafte Veränderungen wie Tumoren, Entzündungen oder die Folgen eines Schlaganfalls erkennen.

Moderne CT-Scanner stellen nicht nur die Struktur der untersuchten Körperregionen dar, sondern erlauben auch Funktionsuntersuchungen am Gehirn, z.B. die Messung der Durchblutung. Da die CT-Bild- und Funktionsdaten digital vorliegen, eröffnen sich zahlreiche Möglichkeiten der "Nachbearbeitung" oder der Auswertung, auch der Errechnung 3-dimensionaler Bilder. Oftmals können die so gewonnenen CT-Daten sogar zur Steuerung chirurgischer Eingriffe eingesetzt werden.

Die MRT benötigt keine Röntgenstrahlen, sie basiert auf der kurzzeitigen "Anregung" der überall im Gewebe vorhandenen Wasserstoffkerne durch harmlose Hochfrequenzwellen. Die so angeregten Kerne geben danach die aufgenommene Energie wieder ab, was sich mit Spezialantennen, sog. Spulen, von außen registrieren lässt. Komplizierte weitere Schritte der Signalverarbeitung ermöglichen eine Ortung der Wasserstoffkerne samt Bestimmung ihrer chemischen Einbindung im Gewebe. Wie bei der CT entstehen "Schnittbilder", allerdings solche mit mehr morphologische Details und auch mehr Information über die Weichgewebezusammensetzung. Modernes Gerät und Untersuchungskapazität vorausgesetzt, wird in der Gehirndiagnostik heute zuerst die MRT eingesetzt.

Die funktionellen Verfahren der MRT sind überdies noch weiter entwickelt als die der CT; inzwischen kann dem Gehirn mit Hilfe der MRT sogar "bei der Arbeit" zugesehen werden.

Da die CT für grob richungsweisende Fragestellung häufig ausreicht - bei deutlich geringeren Kosten im Vergleich zur MRT -, für metallische Körperimplantante ohne Auswirkung ist und Knochen besser darstellt als die MRT, bleibt sie auch weiterhin ein wichtiges bildgebendes Verfahren in der Neuroradiologie. Wegen der größeren Information über die Krankheiten von Gehirn und Rückenmark, und zwar mit Blick auf Struktur wie Funktion, hat die MRT inzwischen aber den größeren diagnostischen Einfluß. Auch sie wird in wachsendem Maße zur Steuerung minimal invasiver und auch größerer chirurgischer Eingriffe eingesetzt - bis hin zum Operieren in speziellen MRT-Geräten unter direkter MRT-Kontrolle.

Die CT, und besonders die MRT, ist heute aus vielen Bereichen der Diagnostik und Therapie neurologischer bzw. neurochirurgischer Krankheiten nicht mehr wegzudenken; ganz besonders gilt das für den Schlaganfall, die multipe Sklerose (MS) und die Hirntumoren. Die zerebrale bzw. zervikokraniale und spinale Angiographie, also die Darstellung der Blutgefäße von Gehirn und Rückenmark, ist mittlerweile ebenfalls ein computergestütztes Verfahren.

Im diagnostischen Visier dieses Verfahrens sind vor allem solche Gefäßkrankheiten, die mit einer durchblutungsmindernden Verengung (Stenose, oft arteriosklerotisch), einer gefährlichen Aussackung (Aneurysma) oder einer Kurzschlussverbindung zwischen Arterien und Venen (AV-Malformation, AV-Fistel) einhergehen. Nach Stellen der Diagnose kann dann unter Verwendung angiographischer Methodik nötigenfalls auch zur (endovakulären) Therapie geschritten werden. So lassen sich verengte Arterien heute mit Ballonkathetern aufdehnen und mit "Maschenröhrchen" aus Metall (Stents) offen halten. Aneurysmen können selbst tief im Schädelinneren endovaskulär unter Verwendung feiner Katheter mit weichen Platinspiralen aufgefüllt und so ungefährlich (reißfest) gemacht werden, und AV-Malformation kann man durch Verkleben mit einem ebenfalls per Mikrokatheter eingebrachten, gewebeverträglichen Kunststoff verschließen - vollständig oder teilweise.

Auf ähnliche Weise lassen sich gefäßreiche, dadurch blutungsträchtige Hirntumoren präoperativ "trocken legen", indem man über einen bis ins Schädelinnere vorgeschobenen Mikrokatheter kleine Kunststoffpartikel einschwemmt. Ein so vorbehandelter Tumor kann leichter und eher vollständig entfernt werden.

Eine wichtige Rolle hat die endovaskulär behandelnde Neuroradiologie (sog. interventionelle Neuroradiologie) heute auch im Rahmen der Therapie des akuten Schlaganfalls durch Gefäßthrombose. Unter bestimmten Voraussetzungen, die auch vom Ergebnis funktioneller CT-Verfahren abhängen (Durchblutung? Volumen des bedrohten, aber noch rettbaren Hirngewebes?) kann eine lokale Auflösung des Blutgerinnsels (der Thrombose) durch Applikation geeigneter Substanzen via Mikrokatheter erreicht werden. Dieses Verfahren - so einsetzbar - hat eine nachgewiesenermaßen deutliche positive Auswirkung auf die potentiellen Folgen eines Schlaganfalls, so dass im Akutfall durch diese Erkrankung zunächst essentiel bedrohte Gehirnfunktionen - wie Bewegung von Armen und Beinen oder die Sprachfähigkeit - teils vollständig erhalten oder sogar wiederhergestellt werden können.

Von einem ursprünglich ganz auf die normale und die krankhafte Morphologie (Struktur) ausgerichteten Bereich der radiologischen Diagnostik hat sich die Neuroradiologie mithin zu einer "erwachsenen" klinischen Disziplin entwickelt, bei der diagnostisch zunehmend funktionelle Aspekte in den Vordergrund rücken und therapeutisch wichtige Gefäßkrankheiten, bei denen sonst Operationen mit Schädelerföffnung nötig wären, mit (minimal invasiven) Methoden angegangen werden, die der diagnostischen Katheterangiographie entstammen.